14. März 2020 – Seetag 5
Ein Traum von einem Morgen auf dem Nordmeer. Es hatte nachts geschneit. Herrlich, wie beim ersten Rundgang auf Deck 11 der Schnee unter den Schuhen knirschte.
Einige Minuten vor 8 Uhr genossen wir 2,1° unter dem Gefrierpunkt. Für die Verhältnisse unserer Kreuzfahrt hielten wir es oben bei Windstärke 4 gut aus. Die Sonne gab noch ihr Bestes – leider waren wir nicht früh genug zum Sonnenaufgang auf Deck.
Die Sicht auf beiden Seiten des Schiffes war optimal. Wir befanden uns auf der Innenpassage zwischen den Lofoten und dem norwegischen Festland. Das Festland war fast zum Greifen nahe.
Goldiges Norwegen? Zumindest in diesen ruhigen Minuten für uns. Und nun das Festland – ohne Gegenlicht:
Die Ausläufer der südlichsten Haupt-Lofoteninsel Moskenesøy sahen wir in rd. 33 km Entfernung.
Kein Träumchen – einfach nur ein Traum. Die Lofotenwand – schneeweiß! Alles, was wir heckwärts und auf beiden Seiten der AIDAcara sahen, war einfach nur schön. In Fahrtrichtung weniger – weit voraus nur Dunst. Das sollte uns zunächst nicht stören, denn wir genossen ausgiebig unser Morgenmahl. Mit optimalem Frühstücksfernsehen.
Und beruhigenden Nachrichten von der Brücke. Kapitän Müller prophezeite ab Mittag eine Heinzergruß-Wetterlage. Ein Orkan entlang der skandinavischen Küste kündigte sich an mit anschließender moderater Beruhigung. Zum Glück dann nur noch mit 10-11 m hohen Wellen. Ab Mitternacht würde uns ein von den britischen Inseln kommender Sturm küssen … vom Regen in die Traufe …
Es gab also noch genügend Zeit zur Vorbereitung. Das bedeutete für uns, dass wir uns auf den Außendecks herumtrieben, solange sie noch frei zugänglich waren. Die Sonne wollte nichts mehr mit uns zu tun haben. Dicke Suppe, immer wieder Schneetreiben. Ab und zu tauchten Festland oder Inseln aus dem Dunst auf. Aber nur kurz - bis sie die dicke Suppe wieder umhüllte.
Kreuzfahrergerds Schriftzug „Achterbande“ vom Vortag war verschwunden. Wir auch kurz vor Mittag. In die große Bar auf Deck 8. Denn es war nicht möglich, die Passagiere zum Poolbruch auf dem Außendeck zu bewegen. Linsensuppe und Pulled Pork waren einfach lecker …
So gestärkt wandte ich mich der Reiseberatung zu. Einmal Winter im hohen Norden, immer (?) Winter im hohen Norden. Also auch 2021 – aber dann mit der AIDAaura.
Anschließend wurde es richtig nett. Für alle auf dem Schiff. Ab ca. 14 Uhr schlug der Orkan voll zu. Zunächst „nur“ Windstärke 10 mit Böen von Windstärke 12. Die Beaufortskala enthält Windstärken bis maximal 12 – wir toppten sie mit angezeigter 13. Irgendwann wurde die Top-Windgeschwindigkeit mit 167/h angezeigt … Zahlen waren den nordischen Göttern so etwas von egal. Sie gaben ihr Bestes: Der im Nordland für Meer, Wind und Sturm zuständige Njörd grummelte mehr als kräftig, dass die AIDAcara über seine Wellen ritt – die von ihm bestimmten Brecher und heftige Orkanböen zerrten energisch an unserem Schiff. So stark, dass sämtliche Außenbereiche gesperrt wurden. Für alle Passagiere. Auch für Raucher/-innen, von denen trotzdem einige den Außenbereich der Poolbar aufsuchten. Und damit Crew-Mitglieder gefährdeten, die hinaus mussten, um diese netten Mitmenschen „einzusammeln“. Unmöglich, was sich einige leisteten …
Für uns Frischluftfanatiker war das Eingesperrtsein auch schwer; aber wir akzeptierten, dass ein Aufenthalt im Freien bei den herrschenden „Winden“ zu gefährlich war. Die Folge war, dass wir von den Restaurants zu den Bars und auch ´mal in die Kabine pendelten. Und dann wieder von vorne. Alles ohne uns zu langweilen.
Irgendwann wurden sämtliche Veranstaltungen abgesagt. Fans vom Alpenglühn traf es besonders schwer. Ach ja, wir hätten uns vergewissern sollen, ob die Happy Hour stattfand …
Bisher war das Geschaukel einigermaßen erträglich. Der nicht nachlassende Orkan zog es zunächst vor, uns von vorne zu beglücken. Aber dann … wurden die Seiten malträtiert … Ab und zu sorgten richtig harte Brecher, dass die AIDAcara Sätze zur Seit machte. Es krachte … auch im hintersten Bereich der Calypso-Bar. Dort, wo sich Hungrige mit den „Highlights der Schären“ erfreuen wollten. Bei einigen klappte es nicht so richtig. Eine Mega-Welle sorgte dafür, dass einige Passagiere von ihren Stühlen rutschten. Teller, Essen und Besteck hinterher. Auf dem Boden fand sich alles wieder … Ein Durcheinander, wie man uns berichtete. Zum Glück war niemand richtig zu Schaden gekommen … Das alles passierte gegen 18 Uhr. Die Bug-Webcam zeigte, was draußen los war …
Wir hatten uns vorher zur Alpenländischen Küche im Marktrestaurant verabredet. Und zwar zur zweiten Schicht. Gab´s allerdings nicht – nur eine durchgehende Essenszeit mit viiiiiiiiiiiel Platz im Restaurant. Als wir im Gleichklang mit dem Schiff schwankend bzw. um Ausgleich suchend im hinteren Bereich ankamen, waren ganze zwei (!) Tische belegt. Einer gehörte uns. Nun gut, nach und nach füllte sich das Restaurant ein wenig. Auf den Tischen sah es karg aus. Tischdecke als Rutschhemmer, was nicht immer gelang. Darauf nur Salz- und Pfefferstreuer. An diesem Abend als Spielzeug, denn die Streuer rutschten hin und her. Wir waren mit Aufpassen beschäftigt, dass sie nicht vom Tisch fielen. Keine Bier-, keine Weingläser. Kein Wein. Die Crewmitglieder brachten uns die Getränke. Aber wir sollten die gefüllten Gläser nicht so einfach auf dem Tisch stehen lassen – eine Schweinerei wäre vorprogrammiert gewesen … So, was sollten wir zu uns nehmen? Eine Vorsuppe? Besser nicht – wir hätten ein auch nur halb gefülltes Suppenschälchen nicht mit dem Inhalt an unseren Platz gebracht. Also die leckeren Debresziner mit Bratkartoffeln. Dieses Menue half, die goldene Regel der Seeleute zu befolgen: Eine Hand gehörte der Gabel, eine Hand dem Bierglas. Würstchen auf die Gabel spießen und abbeißen. Dabei das Bierglas festhalten. Und auch zum Mund führen. Alles gelang – ohne etwas zu verschütten. Denn wir hatten gelernt, das Nahrungsmittel nicht verschwendet werden sollten. Zwischendurch mussten wir uns bei entsprechenden Brechern an den Tisch pressen. Auch das klappte – wir fanden uns nicht auf dem Boden wieder … Schade, dass wir kein Video mit Aufnahmen der recht eintönigen Speisefolge gemacht hatten. Und auch von unseren krampfhaften Essensbewegungen … Übrigens war die Bierversorgung einwandfrei. Sobald das Glas leer war, kam sofort das nächste mit dem Kellner herbeigeschwankt. Ja, das Schwanken … Eine Weinkaraffe im Servicebereich meinte mehr als Schwanken zu müssen. Sie kippte um. Direkt hinter mir. Rotwein. Es roch … nicht lange, denn Tischdecken saugten das Traubenerzeugnis auf …
Die Stimmung war bei uns nicht ganz so prächtig wie an den anderen Abenden. Merkwürdigerweise auch der nicht Appetit. Nicht alle folgten dem Standardrezept gegen Seekrankheit: futtern, futtern, futtern … So war es zu natürlich, dass wir nicht soooooooo lange zusammensaßen und den Weg in die Kabine suchten. Frei nach dem Motto: Wer schwankt hat mehr vom Weg …
Wir hatten viel vom Weg. Aber wir kamen an! In unserer Kabine. Ungefähr 21 Uhr. Rechtzeitig, um einen äußerst starken Ruck auf der Steuerbordseite mitzubekommen. Das Schiff neigte sich. Ich sprang zum Richtung Schreibtischrand rutschenden Fernseher. Ich – der Retter! Und schnell war er verkeilt. Die Betten rutschten in Richtung Badezimmer. Alles, was vor dem Ruck in den Regalen stand, befand sich nach dem Ruck nicht mehr in den Regalen. Zum Glück hatten wir bereits am Nachmittag Gläser und Karaffe in unsere hohen Schuhe gestellt. Ich weiß – nicht sehr hygienisch, aber zweckmäßig. Reiseführer, Illustrierte, Bücher, etc. lagen zerstreut auf dem Teppichboden. Der Luftbefeuchter wurde gerade noch vom Schreibtischrand aufgehalten. Trotzdem landete er schnell auf dem Fußboden – wir verhalfen ihn ganz sanft dazu … Also: Wir leerten die Regale und den Schreibtisch und deponierten alles unter dem Schreibtisch. Zusätzlich klemmten wir die Schranktüren mit zusammengefalteten Papiertaschentüchern fest. Tja, alles wurde gemacht, um eine möglichst störungsfreie Nacht erleben zu können. So weit war es noch nicht … Vorher meldete sich Kapitän Müller zu Wort. 21.15 Uhr. Er hielt sich – vermutlich auch aufgrund der nachmittäglichen Erfahrungen mit den Poolbar-Besuchern – nicht lange mit „Bitte“ auf. Sondern er ordnete an: Alle Bars und sonstigen öffentlichen Bereiche wurden sofort geschlossen. Alle Passagiere hatten sich auf ihre Kabinen zu begeben. Auf dem direkten Weg. Er empfahl allen in ihrer Kabine die Horizontale. Das wars …
Wir hatten es nicht weit bis zu unseren Betten. Schon lagen wir in ihnen, lasen ein wenig und ließen uns ungefähr ab 22 Uhr kräftig in den Schlaf schaukeln. Es gelang unheimlich schnell. Nicht, dass wir durchschliefen. Ab und zu kamen die schon vorher genossenen starken Wellenstöße, die uns aber nicht aus den Betten warfen. Und damit die Erinnerung, dass wir das erlebten, was viele vorher befürchtet hatten: Den Ritt auf dem Orkan … Kein Träumchen, kein Traum, raue Wirklichkeit. Für uns ein gutes Schlafmittel, auch ohne Verstärkung durch Seekrankheitspillen …
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